Elegante Begegnungen. Rosalba Carriera – Perfektion in Pastell

Anlässlich des 350. Geburtstages von Rosalba Carriera (1673–1757) widmet die Gemäldegalerie Alte Meister der bekanntesten Pastellmalerin eine eigene Ausstellung. Es werden über 100 Objekte präsentiert, darunter rund 70 Werke der Porträtistin, die als eine der ersten Künstlerinnen europaweit Erfolge feierte.

Mit 73 Pastellen besitzt Dresden das weltweit größte Konvolut der Venezianerin. Unter August III. befanden sich noch mehr als doppelt so viele Werke der Carriera im Bestand der Galerie und 1746 wurde im Johanneum nahe der Frauenkirche sogar ein eigenes Pastellkabinett eingerichtet und nach ihr benannt.

Die Pastellmalerei galt damals noch als eine vergleichsweise junge Gattung. Carriera war maßgeblich daran beteiligt, dass diese Technik zu einer geschätzten Art der Malerei wurde. Wie gefragt die Künstlerin war, zeigen die vielen Bildnisse von Fürsten der regierenden Herrscherhäusern Europas. Sie hielt aber auch Literaten, Musiker und Tänzerinnen ihrer Heimatstadt Venedig bildlich fest; ein Besuch bei ihr zählte zudem zum festen Programm der zahlreichen Reisenden durch Italien. So stellen die Porträts den größten Teil in ihrem Œuvre dar.

Carrieras Pastelle sind Zeugnis der Schönheitsideale des Rokoko, deren Kosmetik vom Puder bestimmt war: blasse, ebenmäßige Haut, gepuderte Haare und Perücken. In den pulvrigen Oberflächen der Pastellmalerei spiegelt sich diese Mode wider und bringt uns so diese längst vergangene Epoche näher. In Kooperation mit dem Studiengang Theaterdesign/Maskenbild der Hochschule für Bildende Künste Dresden illustrieren die Studierenden in einem Projekt die Maquillage des 18. Jahrhunderts, die so in der Ausstellung zu neuem Leben erweckt wird.

Die künstlerische Anfänge Carrieras liegen in der Miniaturmalerei, da sie in diesem Feld wenig Konkurrenz von männlichen Malerkollegen zu befürchten hatte. 1705 ernannte die Kunstakademie San Luca in Rom sie zu ihrem Mitglied. Diese hohe Auszeichnung wurde nur wenigen Frauen zuteil, zumal ihnen eine akademische Ausbildung noch lange verwehrt blieb. Auch die Accademia Clementina in Bologna nahm sie als Mitglied 1720 auf, und ein Jahr später die Académie Royale in Paris.

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Die Ausstellung zeigt über 100 Exponate und führt das Publikum zunächst in die Lagunenstadt Venedig, mit Ansichten des Canal Grande, wo Carriera ihren Wohnsitz hatte. Zu endecken gibt es neben den Pastellmalereien auch typisch venezianische kunsthandwerkliche Erzeugnisse wie Glas, Spitze und feines Tuch.

Ergänzend zur Schau richtet eine konzentrierte Kabinett-Ausstellung mit dem Titel „Aus dem Schatten. Künstlerinnen vom 16. bis 18. Jahrhundert“ den Blick auf weitere Künstlerinnen vom 16. bis 18. Jahrhundert, die bislang eher ein Schattendasein neben den großen Namen der Kunstgeschichte führen. Oft waren es Töchter berühmter Meister, die eine Ausbildung in der Werkstatt ihres Vaters absolvierten und sich so in einem damals von Männern dominierten Berufsfeld behaupten konnten. Werke von Lavinia Fontana, Marietta Robusti, gen. La Tintoretta, Theresa Concordia Maron, geb. Mengs und Angelika Kauffmann werden in den Fokus gerückt.

Informationen: gemaeldegalerie.skd.museum

Abb.: 1) Rosalba Carriera, Selbstbildnis als Winter, 1730/31, Pastell auf Papier, 46,5 x 34 cm, 2) Rosalba Carriera, Eine Dame in blauem Mantel über hellem Kleid, Pastell auf Papier, 75,5 x 64 cm © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/ Hans-Peter Klut

"Fragility Unveiled -Fragilità Svelate"

„Zerbrechlichkeit enthüllt“

Die prestigeträchtigen Säle des Palazzo Pisani Revedin beherbergen einen doppelten Termin mit dem Titel „Fragility Unveiled“, kuratiert von Anna Isopo, und kritische Texte der Kunsthistorikerin Martina Scavone.

Der Palazzo, ein historisches Juwel im Herzen Venedigs, wird die Werke internationaler Künstler einrahmen, die das Verdienst haben, eine solide Beziehung zwischen der Zerbrechlichkeit der Welt um uns herum und der Vergänglichkeit des künstlerischen Schaffens herzustellen, die ein völlig symbolisches Dasein erzeugt selbst, schwebend zwischen Gegenwart und Zukunft, Schein und Wirklichkeit, Seele und Körper. Derselbe Dualismus betrifft den Ausstellungsablauf, in dem der Wechsel zwischen Ausstellungsdimension und Erzählung, zwischen Behälter und Inhalt, Bedeutung und Signifikant eine facettenreiche und multiple Realität zum Leben erweckt.

Der erste Termin von "Fragilità Svelate" beginnt vom 8. bis 19. März: Der Rundgang durch die Säle des Palazzo Pisani Revedin führt den Betrachter vor die Werke von Regula Margrit Bill, Conie, Konstantinos Spiropoulos, Pia Kintrup und Maria Pacheco Cibils. Fünf Personalausstellungen, die konvergieren und sich auf den Ausstellungsraum beziehen, um die persönliche Identität der einzelnen Künstler zu skizzieren.

Neben den fünf Personalausstellungen wird einer der Säle des Palazzo der außergewöhnlichen Gemeinschaftsausstellung gewidmet sein, in der Werke von Axel Becker, Paul-Yves Poumay, Luciano Puzzo, Belle Roth, Camelia Rusu-Sadovei und Ulli Ströbitzer zu sehen sind ein Anlass zum Nachdenken.

Vom 22. März bis 2. April zeichnen im zweiten Termin die Einzelausstellungen der Künstlerinnen Tatiana An, Daniela de Scorpio, Waltraud Gemein, Monika Kropsofer und Mirella Ventura den Ausstellungsweg nach. Eine Geschichte zwischen verschiedenen Sprachen und außergewöhnlichen Interpretationen, die die Vision des Denkens der Autoren bindet.

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Die Werke von Monika Kropshofer haben Architektur und ihre Elemente, auch in Verbindung mit der Natur, zum Thema. Verschiedene Fotografien auf transparenten, mehrschichtigen Platten, sind malerisch überarbeitet, so dass sich die fragilen Motive aus verschiedenen Zeitepochen und Kulturen miteinander verbinden. Die virtuelle Realität der Fotografien ist mit der Realität des Raumes und der Malerei verschränkt.

Die Gemeinschaftsausstellung präsentiert Werke der Künstlerinnen Beate Batiajew, Lesley Bunch, Monika Hartl, Rose Passalboni, Ada Pasta, Sal Ponce Enrile und Ulrike Kaelberer.

Eine Ausstellung, die Wahrnehmungen von Schönheit, Kraft und Energie vermitteln kann.

Abb.: Monika Kropshofer

Rudolf Levy (1875-1944) - L'opera e l'esilio

Die Uffizien würdigen den deutschen Maler des Expressionismus, der als Jude im Florentiner Exil lebte, deportiert und in Auschwitz ermordet wurde

Fast achtzig Jahre nach seinem Tod und wenige Tage vor dem Volkstrauertag würdigen die Uffizien den großen deutschen expressionistischen Maler und Matisse-Schüler Rudolf Levy (Stettin 1875 – Auschwitz 1944) mit einer großen Retrospektive im Palazzo Pitti, die sein gesamtes Schaffen umfasst. Die 47 ausgestellten Werke erzählen die gequälte Existenz Levys anhand seiner Gemälde, von den ersten Jahren bis zu den Jahren des Exils, einschließlich der letzten Jahre, die er in Florenz verbrachte und die aus künstlerischer Sicht als die produktivsten gelten.

Der junge Levy begann in Deutschland unter der Anleitung von Heinrich von Zügel, einem der Gründer der Münchner Sezession, zu malen. Dann zog er nach Paris, wo er fleißig die Malschule von Henri Matisse besuchte. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte er in Berlin, wo er 1922 seine erste Einzelausstellung veranstaltete und sich damit einem breiteren Publikum und Kritikern bekannt machte. Als die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten beginnt, verlässt Levy Deutschland und begibt sich auf Wanderschaft, deren wichtigste Stationen Mallorca, Frankreich, die Vereinigten Staaten und Dalmatien sind.

Im Januar 1938 kommt er nach Italien; nach einem Aufenthalt auf Ischia und einem etwa einjährigen Aufenthalt in Rom kommt er 1941 in Florenz an. In seinem Zimmer-Atelier im Palazzo Guadagni an der Piazza Santo Spirito entdeckte Levy sein verlorenes kreatives Glück wieder: von 1941 bis 1943 schuf er über fünfzig Gemälde, hauptsächlich Stillleben und Porträts. Am 12. Dezember 1943, nach der deutschen Besetzung, wurde er verhaftet und in Murate inhaftiert, dann nach San Vittore in Mailand verlegt. Am 30. Januar 1944 wurde er im selben Transport wie Liliana Segre in einen Zug nach Auschwitz gesetzt. In Auschwitz angekommen, wurde er vermutlich sofort in die Gaskammern geschickt, da er als zu alt für die Sklavenarbeit galt. Sein mutmaßliches Todesdatum ist dasselbe wie das der Ankunft des Konvois in Auschwitz, der 6. Februar 1944.

Die Ausstellung im Palazzo Pitti, die auf eine Idee von Klaus Voigt, einem renommierten Wissenschaftler über das jüdische Exil und die Nazigegner in Italien, zurückgeht, zielt darauf ab, Levy einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen: Aufgrund der grausamen Repressionen der Nazis gegen die Juden und gegen die so genannte "entartete Kunst" wurden die Werke dieses Künstlers, die sich in den Sammlungen deutscher Museen befanden, größtenteils gestohlen oder verstreut. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden Levy zwei Ausstellungen gewidmet, aber danach wurde der Maler nicht mehr einem großen Publikum bekannt gemacht. Das Projekt in den Uffizien wurde von dem kürzlich verstorbenen Klaus Voigt selbst, Susanne Thesing, Autorin der Monografie über Levy, Vanessa Gavioli, Kuratorin der Uffizien, und Camilla Brunelli, Direktorin des Museums für Deportation und Widerstand in Prato, kuratiert.

Florenz war eine wichtige Etappe in der künstlerischen Produktion von Levy, der in der toskanischen Hauptstadt einige seiner repräsentativsten Werke schuf: Stillleben, Landschaften und Porträts.

Informationen: www.uffizi.it

Archipelago

Archipelago ist ein Forschungsprojekt, das 2018 mit dem Ziel entsteht, die Unterschiedlichkeit der Inseln des Mittelmeers zu dokumentieren, wobei alle Inselgruppen und besonders die bewohnten Inseln Beachtung finden. Dabei erforscht sie den Zusammenhang zwischen den Landschaften mit ihren Häusern und Architekturen zwischen Land und Meer.

Archipelago stellt die Inseln des Mittelmeerraums zusammen wie Perlen einer einzigen, außergewöhnlichen Kette.

Corinna Del Bianco ist Post Doctoral Researcher und Dozentin für Städtebau am Politecnico von Mailand. Sie führt Dokumentationen und Analysen zur kulturellen Identität von Orten durch. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf der Wohnkultur in selbst geschaffenen städtischen Umgebungen. Seit 2016 forscht er selbständig, kuratiert und lehrt in den Bereichen Architektur und Städtebau. Neben seiner Forschungstätigkeit realisiert er Fotoreportagen zu lokalen Kulturlandschaften. Sie ist Gründungsmitglied und Berater der Stiftung Romualdo Del Bianco, die seit 1998 dem interkulturellen Dialog verpflichtet ist. Mehr darüber unter www.corinnadelbianco.com.

Die Ausstellung ist bis zum 2. Juni 2023 zu den Öffnungszeiten des Instituts zu sehen, d.h. montags bis donnerstags von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 16 Uhr, freitags von 10 bis 13 Uhr und abends während der Kulturveranstaltungen.

Vernissage am 2. Februar um 19 Uhr in Anwesenheit der Künstlerin.

Die neuen Bilder des Augustus

Augustus markiert einen Wendepunkt in der römischen Geschichte. Der erste Kaiser (27 v. Chr. bis 14 n. Chr.) besitzt nicht nur eine immense Macht, sondern bedient sich auch neuartiger Kommunikationsstrategien. Das Bucerius Kunst Forum thematisiert mit der Ausstellung Die neuen Bilder des Augustus. Macht und Medien im antiken Rom  einen zentralen Aspekt antiker Bildkultur: den regelrechten Bilderboom, der sich unter dem ersten römischen Kaiser Augustus Bahn bricht.

Die erste Ausstellung zu Augustus in Deutschland seit 34 Jahren präsentiert mit 220 Objekten wie Statuen, Büsten, Reliefs, Wandgemälden, Münzen und Keramiken, die u.a. aus dem Louvre in Paris, den Uffizien in Florenz, den Kapitolinischen und Vatikanischen Museen in Rom, dem Archäologischen  Nationalmuseum in Neapel und weiteren bedeutenden europäischen Museen und Sammlungen stammen, die Bilder und Monumente dieser Zeit.

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Die Alleinherrschaft Augustus und dem damit einhergehenden Übergang von der Republik zur Kaiserzeit stellt einen drastischen Bruch in der römischen Geschichte dar: Dabei spielten Bilder eine ungeahnte Rolle. Eine neue Lust am Bild führte zu einem neuen Umgang mit Medien und veränderte den Stil in den verschiedenen Gattungen wie Wandmalerei, Skulptur, Architektur oder Alltagsgegenständen. Auch neue Auftraggeber:innen – nicht nur die Eliten, sondern die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite beauftragten und rezipierten nun Bildwerke – sorgten für eine nie zuvor dagewesenen Bilderreichtum an allen Orten. Die regelrechte Kopistenindustrie griff im großen Stil auf neu erschlossene Marmorsteinbrüche zurück.

Die Ausstellung zeigt in fünf Kapiteln den neuen Umgang mit Bildern: Das Bild des Kaisers und der Kaiserin, Neue Narrative und einprägsame Bilder, Das neue Bild der Stadt, Neue und alte Bilder im Kult und Bilder im Haus zwischen Tradition und Innovation.

Zu Beginn werden die Bildinnovationen anhand der Selbstdarstellung des Kaisers greifbar gemacht. Durch Bildnisse in Form von Porträtköpfen, Büsten, Statuen und Münzen, die in zuvor unerreichter Omnipräsenz in Rom und in den Provinzen Verbreitung fanden, kommunizierte das Kaiserhaus in diversen Medien mit dem Volk. Für seine Selbstdarstellung nutzte Augustus zudem neue Narrative und einprägsame Bilder über die Geschichte der Stadt Rom, die göttliche Herkunft seiner Familie, seine Erfolge oder die Sieghaftigkeit des Kaisers im Allgemeinen. Diese Bildideen wurden u.a. an prominenten neuen Bauten zur Schau gestellt und im ganzen Reich rezipiert. In der Ausstellung sind diese auf Wandfresken, Architekturfragmenten, Terrakotten, Statuen und Statuetten, Reliefs und Inschriften zu sehen. Auch das Stadtbild Roms veränderte sich zur Zeit von Augustus durch prestigeträchtige Bauvorhaben. Anhand ausgewählter Gebäude wie dem Augustusforum wird dies in der Ausstellung sichtbar gemacht. Augustus propagierte diese Bauten und auch die Bauvorhaben über die Darstellung auf Münzen im ganzen Reich. Besonders deutlich zeigte sich die neue Lust am Bild zu Beginn der Kaiserzeit auch im privaten Bereich. Neben den Wandmalereien, den neuen Bildergalerien und Pinakotheken gilt dies auch für die Skulpturen, marmorne und bronzene Dreifüße und Kandelaber, welche die Gärten der Reichen bevölkerten. Auch das Tafelgeschirr wurde als Bildträger entdeckt.

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der Botschaft der Italienischen Republik.

Informationen: www.buceriuskunstforum.de

Fotos: 1) Kopf des Augustus mit Bürgerkrone, um 40 n. Chr., München, Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek, Inv. GL 350A (© Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek), 2) Ausstellungsansicht: Die neuen Bilder des Augustus. Macht und Medien im antiken Rom (Foto: Ulrich Perrey)

Muse oder Macherin? Frauen in der italienischen Kunstwelt 1400 – 1800

Mit ihrer Kunst stellten sie ihre Väter, Brüder und Männer in den Schatten. Sie schufen Werke, die in ganz Europa begehrt waren, sie wussten sich zu vermarkten, Netzwerke aufzubauen und waren Vorbilder. Sie sammelten Kunst und unterstützen Künstler*innen. Frauen wie Rosalba Carriera, Artemisia Gentileschi, Elisabetta Sirani, Diana Scultori, Isabella d’Este und Christina von Schweden, deren Werke, Schicksale und enormer Einfluss auf die Kunstwelt ihrer Zeit heute teilweise vergessen sind. Die Ausstellung beleuchtet genau diese Aspekte und thematisiert die vielfältige, aktive Rolle der zahlreichen Frauen in der italienischen Kunst vor 1800 anhand von Zeichnungen und Druckgraphiken aus der reichen Sammlung des Kupferstichkabinetts sowie einigen besonderen Leihgaben.

Eine Sonderausstellung des Kupferstichkabinetts unter Mitarbeit von Achtet AlisMB, dem Jugendgremium der Staatlichen Museen zu Berlin.

Weitere Informationen: www.smb.museum

Abb.: Rosalba Carriera: Selbstbildnis der Künstlerin, Detail, 1707/1708, Rötel auf beigefarbenem Papier ( © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders)

Marinetti und der Futurismus: Ein Manifest für eine neue Welt

Am 20. Februar 1909 führt der italienische Dichter Filippo Tommaso Marinetti mit seinem futuristischen Manifest in der französischen Zeitung Le Figaro ein neues künstlerisches Zeitalter ein. In dem Manifest preist er die Geschwindigkeit, die Zukunft, die Aggressivität und den Aktivismus und lehnt gleichzeitig die Vergangenheit vehement ab. Diese kraftvollen Themen sprechen viele junge Künstler und Intellektuelle an, wodurch sich ihm schnell eine Gruppe junger Futuristen anschließt. In den darauffolgenden drei Jahrzehnten nutzen die Futuristen ihre Vorstellungskraft, um einer radikalen neuen Zukunft Ausdruck zu verleihen. In der Ausstellung "Marinetti und der Futurismus: Ein Manifest für eine neue Welt" verfolgt das Rijksmuseum Twenthe die Entwicklung des Futurismus anhand seines charismatischen Anführers Marinetti.

Ein Künstler im Zwiespalt
Als Anführer der Bewegung wird Marinetti seiner Zeit immer wieder damit konfrontiert, dass die faschistische Realität stark von seinen revolutionären Ideen abweicht. Er ist dadurch oft auf der Suche nach dem richtigen Weg für die neue Welt, die er sich vorstellt, die aber in Wirklichkeit viel komplexer ist als es scheint.

Gegensätze im Futurismus
Kunst wird immer auch durch die politischen Geschehnisse beeinflusst und muss sich kontinuierlich neu erfinden. Diese Gegensätze zeigen sich auch in Marinettis Leben und seinem avantgardistischem Futurismus. Handelt es sich dabei um eine vorausschauende und utopische Ideologie oder um plumpe Propaganda für ein faschistisches Regime, getarnt in modernistischer Formensprache?

Die Evolution des Futurismus
In der Ausstellung werden sowohl die Werke der ersten Generation von Futuristen, wie Gino Severini, Umberto Boccioni und Giacomo Balla, ausgestellt als auch Werke späterer Futuristen, wie Roberto Marcello Baldessari, Fortunato Depero und Tato. So entsteht ein detailliertes Bild über die Entwicklung des Futurismus. Zusätzlich zeigen zahlreiche Texte und Dokumentationsmaterialien den Futurismus als Manifest für eine neue Welt.

Weitere Informationen: www.rijksmuseumtwenthe.nl

Abb.: Giacomo Balla, Pistolenschuss am Sonntag, 1918, Öl auf Leinwand (Banca D’Italia Roma)

Michelangelo und die Folgen

Michelangelo, einer der Hauptmeister der Renaissance, und die Wiedergabe des menschlichen Aktes stehen im Zentrum dieser großen Ausstellung. Die Kunst des Zeichners, Malers und Bildhauers Michelangelo Buonarroti fasziniert vor allem durch die Kraft und Monumentalität der von ihm dargestellten Körper: Sie sind voller Energie und erfüllt von heftigen Emotionen, transportieren aber auch innere Spannungen und Konflikte.

Wie kein Anderer steht Michelangelo stellvertretend für das neue Körperverständnis der italienischen Renaissance: Die Wiederentdeckung des Körperideals der römisch-griechischen Antike führt zu bahnbrechenden Neuerungen bei der Darstellung der menschlichen Anatomie, von Proportion, Umriss und Volumen, von Verkürzung, Überschneidung und Bewegung. In den Ateliers und Kunstakademien wird das Studium des – zunächst nur männlichen – nackten Körpers zur Grundlage der Ausbildung.

Michelangelo selbst zeichnete kaum eine nackte Frau, sondern verlieh männlichen Körpern eine feminine Anmutung. Erst allmählich ersetzt auch beim weiblichen Akt der Blick auf die Natur das Antikenstudium. Michelangelos neues Figurenideal, seine Kraft des Ausdrucks sowie sein Streben nach Schönheit und Perfektion inspirierten nicht nur Künstler aus seinem unmittelbaren Umkreis, sondern auch nachfolgende Generationen.

Mit einer höchstkarätigen Werkauswahl vom 15. bis ins 21. Jahrhundert zeichnet die Ausstellung anhand unterschiedlichster Themenbereiche die vielen Möglichkeiten zur Auslotung des menschlichen Aktes nach. Von den eindrucksvollen Zeichnungen Michelangelos und seines Kreises aus der ALBERTINA spannt sich der Bogen über das biblische erste Menschenpaar Adam und Eva und den gemarterten Jesus Christus zu antiken Helden und Göttern, von Anatomie- und Atelierstudien über mathematisch konstruierte Idealkörper und deren Gegenentwürfe bis zu sinnlichen Frauenfiguren und zur Neuinterpretation des Aktes in der Moderne.

Weitere Informationen: www.albertina.at

Abb.: Egon Schiele: Grimassierendes Aktbildnis, 1910, Bleistift, Kohle, Pinsel, Deckfarben mit proteinhaltigen Bindemitteln (ALBERTINA, Wien)

Sofonisba Anguissola. Porträtistin der Renaissance

Vom 12. Februar bis zum 11. Juni 2023 organisiert das Rijksmuseum Twenthe in Zusammenarbeit mit dem dänischen Nivaagaards Malerisamling die erste monografische Ausstellung über Leben und Werk der italienischen Renaissancemalerin Sofonisba Anguissola (um 1532-1625) in den Niederlanden. Anguissola war eine der talentiertesten Porträtmalerinen des italienischen 16. Jahrhunderts. Durch geschickte Karriereschritte kommt sie dem Wunsch des Adels nach, sich zu verewigen, und gelangt Ende des 16. Jahrhunderts in die inneren Kreise der spanischen Königsfamilie.

Sofonisba Anguissola ist eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Renaissance und von ihren Zeitgenossen für ihr Talent und ihre Kreativität gelobt. So schreibt Giorgio Vasari, der berühmte italienische Künstlerbiograph, in seinem Werk „Le vite de' più eccellenti pittori, scultori e architettori“ von 1568, dass die Figuren in Anguissolas Porträts so lebensecht wirken, dass sie zu atmen scheinen. Dieses Kompliment wurde häufiger gemacht, war aber bisher Vorgängern und Kollegen, wie Jan van Eyck oder Leonardo da Vinci, vorbehalten. Auch Michelangelo Buonarroti lobte Anguissola in einem Briefwechsel mit ihrem Vater, Amilcare Anguissola, für die Art und Weise, wie sie in ihren Zeichnungen die Emotionen der Trauer einfängt. Vasari schreibt dazu, dass es nichts Schöneres und Lebensechteres gibt als die Figuren auf dieser Zeichnung.

Auch in ihrem späteren Leben wurde Anguissola bewundert. Anthony van Dyck besucht sie in Sizilien. Er schreibt über diese Begegnung in sein Tagebuch und fügt eine Skizze von ihr hinzu. Laut dem italienischen Schriftsteller Filippo Baldinucci hat dieser bei seinem Besuch in Anguissola mehr über Malerei erfahren und aus seinen Gesprächen mit ihr gelernt als mit jedem anderen. In den Jahren nach ihrem Tod bleibt die Bewunderung für Anguissola ungebrochen. So wird sie vom Historiker Raffaele Soprani 1674 als „la più illustre Pittrice d'Europa“ – die berühmteste Malerin Europas beschrieben.

Für die Ausstellung im Rijksmuseum Twenthe wird der Lebensweg Anguissolas als Leitmotiv dienen. Ihr Leben ist durch drei Schlüsselmomente geprägt: ihre Kindheit und Erziehung in Cremona, ihre Zeit als Hofdame am spanischen Hof in Madrid und ihre letzten Lebensjahre in Sizilien und Genua. Anhand dieser drei verschiedenen Orte zeigt die Ausstellung die künstlerische Entwicklung der Künstlerin, angefangen bei den frühen Familienporträts bis hin zu den zurückhaltenden religiösen Darstellungen, die Anguissola in ihren letzten Lebensjahren schuf. Die Ausstellung wird auch einen Eindruck von den Lebensbedingungen im 16. Jahrhundert in Italien und Spanien vermitteln, indem sie Kostüme, Literatur und Musikinstrumente zeigt.

In ihrer eigenen Zeit wird Anguissola als ein Wunder beschrieben. Mit dieser Ausstellung will das Rijksmuseum Twenthe zeigen, wie sie zu einer anerkannten und gefragten Künstlerin wurde in einer Zeit, als dies nicht selbstverständlich war und es stark restriktive Vorstellungen über Frauen ihres Standes gab. Mit mehr als drei Vierteln des überlieferten Werks werden wir zeigen, wie innovativ sie war und wie sie sich zu einer der berühmtesten Porträtmalerinnen der italienischen Renaissance entwickelte.

Weitere Informationen: www.rijksmuseumtwenthe.nl

Abb.: Sofonisba Anguissola: Het schaakspel, ca. 1555, olieverf op doek (The Raczyński Foundation, Muzeum Narodowe w Poznaniu, Poznań)

Colore e sentimento. Portrait- und Landschaftsmalerei im Venedig der Renaissance

Die Ausstellung widmet sich den herausragenden Neuerungen der venezianischen Malerei in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sie konzentriert sich auf die Gattungen Porträt und Landschaft und stellt damit zentrale Themen der visuellen Kultur der vom Handel und Humanismus geprägten Lagunenstadt in den Fokus. Der einfühlsamen Darstellung von Mensch und Natur galt die besondere Aufmerksamkeit der führenden Maler von Giovanni Bellini über Giorgione, Palma Vecchio und Lorenzo Lotto bis zu Tizian: Ihre subtilen Darstellungen von Individualität changieren zwischen Real- und Idealbildnis, zwischen repräsentativen und lyrischen Porträts, und ihre stimmungsvollen Landschaftsszenerien etablierten sich schnell als eigenständiges Bildthema. Die günstige lokale Konstellation einander vertrauter Künstler und Auftraggeber, die über ein hohes Maß an Sensibilität und Offenheit verfügten, ermöglichte markante Innovationen. Mit rund 80 Meisterwerken – Spitzenstücke der Münchner Sammlung erstmals vereint mit zahlreichen internationalen Leihgaben – macht die Ausstellung bahnbrechende, bis weit in die Moderne nachwirkende Entwicklungen der venezianischen Malerei erfahrbar.

Weitere Informationen: www.pinakothek.de

Abb.: Jacopo Palma il Vecchio (zugeschrieben): Daphnis, um 1513/15, wohl Pappelholz, 19,8 x 16,4 cm (© Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München)