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DIG Bielefeld

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NEWS

vom 13.11.2023

Jubiläum

70 Jahre Deutsch-Italienische Gesellschaft Bielefeld

Ein persönlicher Rückblick

Die DIG Bielefeld feiert ihr 70-jähriges Bestehen. Wie hat das alles angefangen? Wohin hat es geführt? Und wohin soll die Reise noch gehen?

Nicht als „alter Hase“, sondern als „grüner Frosch“ schaue ich in den historischen Abriss der Vereinsgeschichte. Was mir bei der Lektüre passiert, mag anderen nachvollziehbar sein.

„Die Geschichte der DIG Bielefeld

Kurz nach dem schrecklichen Kriegsende, als in Deutschland noch Mangel und Not herrschten, besann sich mancher Deutsche neben der Jagd nach materiellen Dingen auch darauf, seine geistigen Bedürfnisse wieder zu befriedigen. Es galt z.B. kulturelle Beziehungen zu den Nachbarvölkern aufzunehmen. Und so wanderte der Blick über die Alpen nach Italien, wo man wusste, dass alte Freunde auch darauf warteten, an unterbrochenen Verbindungen anzuknüpfen und im Austausch die kulturellen Beziehungen beider Völker zu beleben.“

Ich stutze, und die Assoziationsmaschine meines Gehirns formuliert einen Verdacht: 1946. „Alte Freunde“ wollen an alte Verbindungen anknüpfen. Was waren denn das für Verbindungen? In Italien war der Duce bereits 1922 Ministerpräsident des Königreichs Italien. Verbanden sich da also die alten deutschen Nazis mit den alten italienischen Faschisten? Mir ist ganz mulmig zumute.

Ich lese weiter:

„In zahlreichen Städten entstanden sogenannte Klubs, die sich „Freunde Italiens“ nannten. Die ersten wurden bereits in den Jahren 1946/47 gegründet. Bielefeld gehörte unter der Leitung des Studienrates Hermann Rehling auch dazu. 1947 gab es bereits 31 Klubs, vorwiegend in der englischen Besatzungszone. Sie gehörten dem Zentralbüro in Hamburg an, das sich „Deutsch-Italienischer Club/Freunde Italiens“ nannte und dessen Leiter Hellmut Börner war. Die englische Besatzungsmacht in Bielefeld unterstützte das Bestreben nach Annäherung an verschiedene Länder. Unter dem Schutz „Die Brücke“ entstanden nach und nach die Auslandsgesellschaften.“

Das barbarische Deutschland, so vermittelt es sich mir, sollte rezivilisiert werden. Ich schlage bei Wikipedia nach, was „Die Brücke“, eine von den Briten der englischen Besatzungszone finanzierte Kultur-Einrichtung, eigentlich war. Die Essenz:

„Den Namen Die Brücke erklärte anlässlich der Eröffnung des ersten British Information Centres [1946] der Brigadier Hinde folgendermaßen:

„For the whole of this organisation the British authorities have chosen the name ‚Die Brücke‘. A title which in itself explains the object of the organisation. At this end of the Brücke stands the German population. At the other stands the great world, which Germany has been cut off for so long.“1

Nach der Lektüre des Wikipedia-Eintrags wird die Assoziation der fröhlichen Wiedervereinigung von Nazis und Faschisten durch ein anderes Bild ersetzt. Der Abstand der Betrachterin vergrößert sich und geht an die Anfänge der Menschheit zurück, zum Startpunkt des Prozesses der Zivilisation. Mit Naturgewalten ringende, sprachlose Horden. Der Existenzkampf des Urmenschen findet einen Frieden durch naturwissenschaftliche, technische und in der Folge soziale Errungenschaften (oder anders herum). Zivilisation entwickelt sich. Wo viel Misstrauen war, wird mehr Vertrauen gewagt. Sichere Räume der Muße, der Konzentration und Versenkung eröffnen sich. Einzelne Menschen entwickeln hohe Kunstfertigkeiten, und viele verfeinern ihre Sinne, um die Künste zu goutieren (oder anders herum). Musik und Tanz, Malerei und Theater, Gaumenfreuden und Gastlichkeit, Baukunst und Gärten, Mode und Design, Wissenskultur und Technik. Die Idee vom guten Leben, von der Gestaltbarkeit des Lebens, von Freiheit, von Lernen, von Emanzipation, von Reisen, von Austausch und Gastfreundschaft: Seit Jahrtausenden existiert ja auch das!

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Wieso stellte sich die erste Assoziation überhaupt ein? Wozu dieses Misstrauen, das doch längst ad acta gelegt sein wollte?

„Aus dem Klub, der, eigentlich, kein geregeltes Vereinsleben pflegte, ging ab Oktober 1953 die Deutsch-Italienische Gesellschaft Bielefeld hervor. Als Gründer gilt Dr. Garte, der den Vorsitz jedoch 1954 an Herrn Rahlenbeck abgab. 1955 übernahm der Studienrat i.R. Heinrich Brünger für 15 Jahre als Vorsitzender die Gesellschaft. Unter seiner Ära lebte das Vereinsleben auf und die DIG wurde gut organisiert. Sie wurde gemeinnützig und trat der VDIG bei. Im Mittelpunkt der regelmäßigen Zusammenkünfte standen Vorträge über die Kultur, Geschichte und das Volksleben Italiens, denn die Mitglieder strebten danach, möglichst viel über das südliche Land zu erfahren. Längst war Italien wieder als Reiseland entdeckt worden.“

Der Text erzählt von der Bedeutung der Energie, die die Vorstandsmitglieder in den Verein getragen haben. Von den Bewegungen, die diese Energie ausgelöst hat. Reisen. Entdeckerfreude. Horizont, der sich weitet. „Ahhh!“ und „Ohhh! Ich denke an das Italien der „Grand Tour“ der europäischen Bildungsbürger des 19. Jahrhunderts. An den Massentourismus, der in den 50er Jahren des deutschen Wirtschaftswunders beginnt und mit seiner Zweckarchitektur die Landschaften prägt. Ein Tröpfchen in dieser Reise-Woge meine Mutter nach Krieg und Flucht und Hungerjahren als glückliche junge Frau in den Tiroler Bergen.

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Italien gilt für viele und auch für mich als Land der Schönheit, als Vorbild zivilisatorischer Verfeinerungen, die sich vergleichsweise kontinuierlich seit der Antike ausgeprägt haben. Gibt es eine zweite antike Hochkultur auf der Welt, die ihre einmal erreichte Kulturhöhe auf dem Weg in die Gegenwart nicht – mehr oder weniger vollständig – verloren hätte? Ich schaue auf China, auf Ägypten, auf Griechenland – und sehe radikale Zivilisationsbrüche ohne ein Wiederanknüpfen an einstmals entwickeltes zivilisatorisches Gut. Landstriche ohne Renaissance.

Und stärker als viele andere habe ich als junge Mutter – mit einem Grundschulkind für einige Jahre arbeitender Gast in Genua – diesen vielleicht einzigartigen Zivilisationsvorsprung im Kontrast zur deutschen Realität erfahren.

Aktuell erlebt Deutschland, vielleicht ganz Europa, nach meinem Empfinden einen Dezivilisierungsprozess. Die Sitten verfeinern sich nicht, sie sind rauer geworden. Nicht die Künste haben Konjunktur, sondern skrupelloses Macht- und Gewinnstreben, Gewalt und Krieg. Und die Frage: „Wozu führen wir eigentlich die alte Deutsch-Italienische Gesellschaft weiter? Ist das nicht Schnee von gestern?“, sie verfliegt. Denn genau das wollen wir: Angenehme Formen pflegen. Unsere Wahrnehmung verfeinern. Kommunikation gestalten. Neugierig sein. Lernen. Uns verändern. Erkennbare Individuen sein, die einander trauen, die freundlich sind, um Zivilisationsprozesse zu nähren.

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Dr. Susanne Hecht
1. Vorsitzende der DIG Bielefeld im November 2023
1Christine Zeuner: Erwachsenenbildung in Hamburg 1945–1972: Institutionen und Profile. Hamburg. LIT 2000, S. 59, Quelle: Wikipedia-Eintrag am 17.10.2023:  British Information Centre Die Brücke | „Für die Gesamtheit dieser Organisation haben die britischen Behörden den Namen "Die Brücke" gewählt. Ein Titel, der an sich schon den Zweck der Organisation erklärt. An diesem Ende der Brücke steht die deutsche Bevölkerung. Auf der anderen Seite steht die große Welt, von der Deutschland schon so lange abgeschnitten ist.“ (Übersetzung: DeepL)
Fotos: 1) +2) VDIG-Lesemarathon 2023 Italo Calvino in Bielefeld (Klaus Hansen), 3) DIG Bielefeld in Umbrien (Monika Kruse), 4) Teile des Vorstandes (v. l. n. r.): Maddalena Agliati (2. Vorstandsvorsitzende), Carola Matheisen (Kassenwart),  Gabriella di Guardo (Beigeordnete), Marianne Picciolo (Beigeordnete) (Lutz Werner)
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